In Brüssel herrscht frischer Wind für die Automobilbranche – und der riecht nach Regelentspannung. Die EU-Kommission hat am Dienstag überraschend Lockerungen bei den CO₂-Vorgaben für Neuwagenhersteller in Aussicht gestellt – sehr zur Freude vieler Autokonzerne, die in diesem Jahr besonders unter Druck stehen.
Was ist geplant?
Um drohende Strafzahlungen aufgrund verfehlter Klimaziele zu vermeiden, sollen Hersteller künftig ihre CO₂-Emissionen nicht nur für das laufende Jahr isoliert betrachten müssen. Stattdessen will die EU-Kommission erlauben, die Werte aus dem laufenden Jahr mit jenen des Folgejahres zu verrechnen – ein sogenannter „rollierender Durchschnitt“ über zwei Jahre.
Mit anderen Worten: Wer 2025 seinen CO₂-Grenzwert überschreitet, könnte das mit besseren Zahlen aus 2026 wieder ausgleichen – und sich so empfindliche Bußgelder ersparen.
Brüssel nennt es Flexibilität, Kritiker sprechen von Klimaschlendrian
Offiziell begründet die Kommission den Schritt mit der „Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie“. Die wirtschaftlichen Herausforderungen – von Energiekrise über Lieferkettenprobleme bis hin zu Inflation – hätten die Hersteller zuletzt erheblich belastet.
Doch nicht alle sehen die geplante Atempause positiv. Umweltverbände und Klimaforscher zeigen sich besorgt. „Das ist ein gefährliches Signal. Statt klare Klimaziele konsequent einzufordern, bekommen die Hersteller eine Einladung zum Schummeln“, heißt es von der Organisation Transport & Environment.
Hintergrund: Die CO₂-Ziele der EU
Die EU hat sich verpflichtet, die CO₂-Emissionen des Verkehrssektors drastisch zu senken. Für Neuwagen gelten seit Jahren strengere Obergrenzen beim CO₂-Ausstoß pro Kilometer. Diese steigen jährlich in Richtung Null – denn ab 2035 sollen in der EU nur noch emissionsfreie Fahrzeuge neu zugelassen werden.
Das Problem: Viele Hersteller, insbesondere solche mit großen Verbrennermodellen, tun sich weiterhin schwer, die ambitionierten Vorgaben einzuhalten – trotz zunehmender E-Mobilität.
Was bedeutet das für die Zukunft?
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte bereits vor Monaten angedeutet, dass man „pragmatische Wege“ finden wolle, um den Übergang für die Industrie abzufedern. Die nun vorgeschlagene „CO₂-Verrechnung über zwei Jahre“ könnte also Teil eines größeren Kurswechsels sein – weg von striktem Klimaregime, hin zu einem industriepolitischen Balanceakt.
Fazit:
Die geplante Neuregelung ist ein Versöhnungsangebot an die Autobauer – und ein möglicher Dämpfer für den europäischen Green Deal. Ob diese Flexibilität wirklich zu einem klimafreundlicheren Verkehr beiträgt oder nur den Druck mindert, wird sich erst zeigen, wenn die ersten Zahlen für 2026 vorliegen.
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